Ambidextrie: Zweigleisig zum Erfolg

Komplexe Anforderungen erfordern komplexe Ansätze. Das bedeutet, dass Unternehmen zukünftig deutlich mehr Ambidextrie als Organisations- und Führungsprinzip verinnerlichen müssen. Die Fähigkeit zur Ambidextrie bedeutet nichts weniger als zwei beziehungsweise mehrere Herausforderungen gleichzeitig zu managen. Die eine besteht darin, seine Produkte an die Kundschaft zu bringen. Die andere, diese Kundschaft genau zu definieren und ihre Wünsche zu erkennen – und das alles vor dem Hintergrund rasanter Entwicklungen und Veränderungen. Dies bleibt auch nicht ohne Konsequenzen für die eigene Belegschaft. Wie Unternehmen mit Ambidextrie die Zukunft meistern…

Ambidextrie: Zweigleisig zum Erfolg

Ambidextrie Definition: Was ist darunter zu verstehen?

Ambidextrie DefinitionDer Begriff Ambidextrie leitet sich vom lateinischen ambo (= beide) und dexter (= rechte Hand) ab. Er stammt ursprünglich aus der Medizin und bedeutet Beidhändigkeit.

So nennt man die Fähigkeit von Menschen, deren Geschicklichkeit in beiden Händen gleichermaßen gut ausgeprägt ist – eine Besonderheit, denn meistens sind wir von Natur aus Rechtshänder, in selteneren Fällen (etwa 10 bis 15 Prozent) Linkshänder.

Die beiden Amerikaner Michael L. Tushman und Charles A. O’Reilly III, Unternehmensberater beziehungsweise Organisationstheoretiker wandten den Begriff 1976 auf die Wirtschaft an: Gemeint ist damit die Fähigkeit eines Unternehmens, gleichzeitig Exploration und Exploitation zu betreiben:

Indem einerseits an Neuem geforscht wird, muss das Alte weiterbetrieben und optimiert werden – nur so ist die notwendige Flexibilität gewährleistet.

Wenn von Ambidextrie bezogen auf den Arbeitsmarkt die Rede ist, dann ist häufig organisationale Ambidextrie gemeint: Von Unternehmen wird erwartet, dass sie einerseits das operative Geschäft beherrschen, sich also ihrem Unternehmenszweck widmen. Gleichzeitig müssen sie sich weiterentwickeln und Innovationen vorantreiben.

Noch genauer lässt sich die organisationale Ambidextrie in zwei weitere Bereiche unterteilen:

  • Strukturelle Ambidextrie meint die organisatorische Trennung zwischen dem Bereich, der sich der kontinuierlichen Verbesserung des bestehenden Produkts kümmert und dem Bereich, der sich der Erschließung neuer Produkte widmet.
  • Kontextuelle Ambidextrie heißt, dass innerhalb eines bestimmten Bereiches situationsabhängig gehandelt wird.

Zweigleisigkeit jetzt gefordert

Auf den ersten Blick wirkt Ambidextrie wie ein Widerspruch, der all das konterkariert, was jahrelang gepredigt wurde. Wir denken etwa an Ambivalenz – keine genaue Zuordnung ist möglich. Oder die Tatsache, dass immer das Monotasking gepredigt wird, weil Multitasking nur dazu führt, dass man sich verzettelt.

Ambidextrie erfordert jetzt genau das von einem Unternehmen: zweigleisiges beziehungsweise mehrgleisiges Vorgehen. Statt sich nur und ausschließlich auf eine Sache zu konzentrieren, werden neue Wege beschritten – in völlig anderen Bereichen.

Zweigleisigkeit hat immer etwas von „sich nicht entscheiden können“: nicht Fisch, nicht Fleisch. Für Unternehmen in vielerlei Hinsicht eine eher schädliche Haltung. Ganz gleich, ob es dabei um ein nach außen kommuniziertes Image geht oder interne Anweisungen. Werden falsche Signale gesendet, hat das Konsequenzen für die weitere Entwicklung.

Die Notwendigkeit von Ambidextrie bringt es aber mit sich, dass zunehmend genau diese Beidhändigkeit von Unternehmen erwartet wird. Kein Entweder-Oder mehr, sondern ein Auch lässt sich bereits an etlichen Stellen beobachten.

Beispiele für Ambidextrie in Unternehmen

Ressourcenknappheit und ein verändertes Verbraucherbewusstsein führen zu sich wandelnden Märkten. Im Zeitalter der Digitalisierung, wo alles deutlich schneller läuft, bedeutet das für Unternehmen vor allem eins: mehr Flexibilität ist notwendig.

Statt sich nur noch auf das vermeintliche Kerngeschäft und die Kernkompetenz zu konzentrieren, werden nun Bereiche erschlossen, die vorher nicht zum Unternehmen zu passen schienen. Beispiele für Ambidextrie sind:

  • Die Automobilindustrie

    Fossile Brennstoffe sind begrenzt. Dazu kommt, dass ihr Vorkommen oft in politisch schwierigen Regionen liegt, so dass nie sicher absehbar ist, inwieweit ihre Verfügbarkeit gewährleistet ist. Der klassische Verbrennungsmotor in Fortbewegungsmitteln der Automobilindustrie ist auf genau diese Ressource ausgelegt.

    Das Wissen um schädliche Ausstoße bei der Verbrennung von Diesel und Benzin so wie ein gestiegenes Umweltbewusstsein führen dazu, dass Automobilkonzerne in der Pflicht sind, dem alten Produkt etwas Neues entgegenzusetzen. Zunehmend mehr Elektrofahrzeuge befahren nun die Straßen.

    Gleichzeitig sind diese sowohl in der Reichweite als auch in den Anschaffungskosten den alten Fahrzeugen oftmals unterlegen, weshalb die Automobilindustrie einerseits noch mit klassischen Fahrzeugen den Markt versorgen, gleichzeitig die Forderungen an höhere Leistungsfähigkeit bei niedrigeren Produktkosten bedienen soll.

  • Die Lebensmittelindustrie

    Wer Fleisch isst, ist kein Vegetarier. Gerade bei der Ernährung existieren teilweise ideologische Gräben. Lange schien klar, dass Produkte für Vegetarier und Fleischesser somit nicht aus einer Hand kommen können.

    Solange die vegetarische Ernährung eher einen kleinen Teil der Bevölkerung betraf, sind sich fleischproduzierende Betriebe und solche, die vegetarische Lebensmittel als Kerngeschäft haben, nicht in die Quere gekommen. Unzählige Tierskandale bezogen auf Antibiotika, Tierhaltung und Hygienestandards, tragen dazu bei, dass immer mehr Menschen ihren Fleischkonsum überdenken.

    Hinzu kommt auch hier der Nachhaltigkeitsaspekt, denn für Massentierhaltung wird ausgerechnet die Ressource vernichtet, die gleichzeitig eine bessere Luftqualität und Schutz vor Überhitzung bietet: Bäume. Für Unternehmen, die von der Fleischproduktion abhängig sind, ist Umdenken gefragt: Wie können wir den veränderten Ansprüchen der Kunden gerecht werden?

Wie können Unternehmen Ambidextrie umsetzen?

Ambidextrie ist ein Thema, das Unternehmen, Führungskräfte und Mitarbeiter gleichermaßen betrifft. Disruptive Geschäftsmodelle verändern den Markt – mit Effizienz allein gewinnen Unternehmen mittlerweile keinen Blumenpott mehr. Der einst ausgebaute Wettbewerbsvorsprung schmilzt nun binnen kürzester Zeit.

Wie können Unternehmen diesen Herausforderungen begegnen? Zumal die Schwierigkeit darin liegt, die Weichen für neue Wege zu stellen und alle ins Boot zu holen.

  • Mindset

    Für Ambidextrie braucht es die richtige Belegschaft. Ein Denken in „Das haben wir immer schon so gemacht“-Strukturen ist wenig zielführend. Stattdessen braucht es von der Spitze bis zur Basis Leute, die sich auf Neuerungen einstellen wollen und können. Hilfreich sind hier Fortbildungen, die notwendige Fähigkeiten und Kenntnisse vermitteln.

  • Entscheidungswege

    Im Rahmen von Exploration und Exploitation muss einerseits die Stabilität eines Unternehmens gewährleistet sein, heißt: Bestimmte Entscheidungswege und Hierarchien bleiben unangetastet, gleichzeitig gibt es Bereiche, in denen den Mitarbeitern freie Hand gelassen wird. Wichtig ist hierbei, dass Innovation Labs nicht ausgelagert werden: Dann weiß nämlich eine Hand nicht, was die andere tut und der betriebliche Zusammenhalt ist nicht gewährleistet. Vielmehr müssen beide Bereiche untereinander vernetzt sein und kommunizieren.

  • Führungsstil

    Große Unternehmen sind häufig schwerfällig. Starre Hierarchien verhindern, dass auf Veränderungen am Markt kurzfristig reagiert werden kann. Während Start-ups noch wesentlich experimentierfreudiger sind und ihren Mitarbeitern genügend Spielraum für die Entwicklung kreativer und innovativer Konzepte lassen, sind in gesetzteren Unternehmen Entscheidungswege zementiert. Ganz ohne Hierarchie geht es wie erwähnt nicht. Andererseits ist im Rahmen von Ambidextrie Digital Leadership gefragt: Führungskräfte bringen selbst die notwendige digitale Kompetenz in vielen Bereichen mit und sind in der Lage, diverse Teams zu gründen und zu führen.

[Bildnachweis: by Shutterstock.com]
16. Juli 2019 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Taralej widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.



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