Anwesenheitspflicht: Präsenz mindert Produktivität

Fleiß ist aller Aufstieg Anfang. In deutschen Unternehmen gibt es dafür einen scheinbar objektiven Maßstab: die Anwesenheit. Und je höher einer aufsteigt, desto stärker gilt die Länge des Arbeitstages als Prahlobjekt. Physisch im Büro zu sein, ist für viele Chefs ein Beleg für Loyalität und Leistungswillen – Stress als Statussymbol, Anwesenheitspflicht als Attitüde. Acht Stunden heiße Luft sind im Zweifel mehr wert als vier Stunden produktives Vollgas. Schwachsinn! Auch wenn es viele Leute gibt, die daran glauben, dass die Dinge durch ihre bloße Anwesenheit besser werden: Präsenz ist kein Beleg für Produktivität. Mehr noch: Oft führt sie zum genauen Gegenteil…

Anwesenheitspflicht: Präsenz mindert Produktivität

Anwesenheit als Indiz für Leistung?

Führungskräfte verbringen heute im Schnitt 60 Stunden pro Woche im Büro, Topmanager kommen gar auf 80 Wochenstunden, so das Ergebnis von Umfragen. Wie genau diese Zahlen die Realität wiederspiegeln, darf diskutiert werden – gefährlicher aber ist das Denken dahinter: Feierabend machen nur Faulpelze.

Oder anders ausgedrückt: Wer erfolgreich sein will, glänzt mit ständiger Anwesenheit.

Zwar waren flexible Arbeitszeiten nie so populär wie heute – Work-Life-Balance und Home-Office sei Dank. Doch bevorzugen viele Chefs nach wie vor den physisch anwesenden Mitarbeiter.

Als zum Beispiel Wissenschaftler von der Foster School of Business an der Washingtoner Universität untersuchten, wie Manager ihre Mitarbeiter unabhängig von der tatsächlichen Leistung beurteilen, stellten Sie fest: Wer morgens schon um 7 Uhr am Schreibtisch saß, punktete mehr bei seinem Vorgesetzten als der Kollege, der erst um 11 Uhr im Büro erschien – obwohl beide anschließend genau dieselbe Arbeit verrichteten, auch gleich lange (der zweite Kollege blieb eben länger – statt bis 15 Uhr bis 19 Uhr).

Unterschiedliche Experiment-Variationen dazu förderten doch immer dasselbe Stereotyp der Bosse zutage: Wer da ist, der arbeitet; wer nicht da ist, ist faul.

Wie falsch! Man kann sich im Büro anstrengen und dabei Tag für Tag jede Menge analysieren, archivieren, fabrizieren, optimieren, organisieren, produzieren, programmieren, präsentieren, sanieren, telefonieren oder theoretisieren – acht bis zwölf Stunden lang – und trotzdem nichts erreichen.

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Eine Anwesenheitspflicht als scheinbarer Garant dafür, dass Mitarbeiter wirklich arbeiten und produktiv sind, bringt also zunächst einmal gar nichts. Nur weil jemand am Arbeitsplatz sitzt, heißt das eben noch lange nicht, dass er auch wirklich die gesamte Zeit produktiv ist. Die Verbindung zwischen Anwesenheitspflicht und empfundener Leistung führt sogar soweit, dass Mitarbeiter, die sich vom Arbeitsplatz entfernen, kreative und skurrile Methoden entwickeln, um ihre Anwesenheit vorzutäuschen (mehr dazu in diesem PDF).

Fleiß ist eben nur der Anfang, aber er ist nicht alles. Längst zeigen zig Untersuchungen, dass sich Produktivität und Kreativität nicht linear auf acht bis zehn Stunden verteilen, geschweige denn auf einen Ort festlegen lassen.

Anwesenheitspflicht: Was ein langer Arbeitstag wirklich verrät:

  • Sie sind sehr fleißig.
  • Ihr Chef mag Sie.
  • Sie besitzen Leidensfähigkeit und Ausdauer.
  • Sie können schlecht Nein sagen.
  • Ihr Gehalt sollte höher sein – ist es aber nicht.
  • Sie bewegen sich zu wenig.
  • Sie haben kein besonders erfülltes Privatleben.
  • Ihre Familie kennt Sie vor allem von Fotos.
  • Sie treffen Ihre Freunde viel zu selten.
  • Sie wissen wenig mit Ihrem Leben anzufangen.
  • UND: Sie arbeiten zu lange!

Darum ist Anwesenheitspflicht eine Zeitverschwendung

Vor wenigen Jahren veröffentlichte der Economist eine bemerkenswerte OECD-Studie über die Korrelation von Arbeitsstunden und Output.

Die anfängliche Vermutung: Mit steigender Arbeitszeit nimmt auch die Gesamtleistung zu. Falsch gedacht! Die Kurve verlief keinesfalls linear, im Gegenteil: Ab einem Umfang von 50 Wochenstunden sank die Produktivität der Probanden rapide. Alles, was über 56 Stunden hinaus ging, bezeichneten die Forscher gar als pure Zeitverschwendung.

Das deckt sich auch mit einer schon etwas älteren Studie der Durham Business School und des Beratungsunternehmens JBA. Ergebnis: Sobald jemand seine Arbeit selbstständig verteilen und organisieren konnte, erhöhte sich dessen Produktivität. So stieg etwa mit zunehmender Anwesenheitspflicht und Bindung an das Büro auch die Bereitschaft, drei oder mehr Tage im Jahr zu fehlen, beziehungsweise blau zu machen.

Oder salopp formuliert: Wer häufiger da sein muss, ist häufiger abwesend. Wollen Unternehmen mit einer Anwesenheitspflicht Leistungen erzwingen, erreichen sie also eigentlich das genaue Gegenteil.

Zusammengefasst ergeben sich aus verschiedenen Untersuchungen gleich mehrere gute Gründe, warum Anwesenheitspflicht – zugespitzt formuliert – Unsinn ist.

  • Anwesenheitspflicht macht nicht produktiver

    Unternehmen und Vorgesetzte glauben dies vielleicht, doch lässt sich mit mehr Anwesenheit nicht automatisch eine größere Produktivität erreichen. Tatsächlich sprechen die Ergebnisse eine deutliche Sprache: Zu viel Arbeit und Anwesenheit schafft keine zusätzliche Leistung, sondern ist nur verschwendete Zeit, die Mitarbeiter absitzen.

  • Freie Zeiteinteilung macht zufriedener

    Flexibilität und die Möglichkeit, die eigenen Arbeitsbedingungen und -zeiten mitzubestimmen, ist für einen Großteil der Arbeitnehmer ein wichtiger Faktor für die Zufriedenheit im Job. Mit einer Anwesenheitspflicht bewegen Unternehmen sich in eine völlig falsche Richtung und sorgen für schlechte Stimmung im Team. Wird die gezwungene Anwesenheit hingegen reduziert, steigen Leistungsbereitschaft und Loyalität.

  • Anwesenheitspflicht verschlechtert die Kommunikation

    Es ist ein Irrglaube, dass bei Anwesenheit der Austausch untereinander besser funktionieren würde. Untersuchungen legen das genaue Gegenteil nahe. Sind eben nicht immer alle anwesend, wird häufiger miteinander kommuniziert und es werden auch mehr Informationen im Team geteilt. Insgesamt führt dies sogar zu besseren Beziehungen unter den Kollegen.

  • Anwesenheit führt zu Druck und Stress

    Werden Mitarbeiter durch eine Pflicht regelrecht an den Arbeitsplatz gefesselt, wächst der empfundene Druck und Stress. Mehr Freiheiten bei der Arbeitseinteilung führen zu größerer Ausgeglichenheit.

  • Anwesenheitspflicht fördert das Mikromanagement

    Arbeitgeber, die an Anwesenheitspflicht festhalten, zeigen vor allem eins: mangelndes Vertrauen. Der Chef scheint nicht zu glauben, dass Mitarbeiter auch woanders arbeiten und Leistungen erbringen. Erst, wenn er es mit eigenen Augen sieht, ist er vom Arbeitswillen überzeugt. Zusätzlich führt der Kontrollwahn zu häufigem Mikromanagement. Vorgesetzte schauen ständig über die Schulter, mischen sich in Entscheidungen und Abläufe ein oder reißen Verantwortungen an sich, die besser an Mitarbeiter delegiert werden sollten.

Anwesenheitspflicht macht Arbeitgeber unattraktiv

Anwesenheitspflicht NachteileManche Jobs sind auf eine Anwesenheitspflicht angewiesen. Der Koch im Restaurant kann nicht von zuhause arbeiten, Handwerker die Schäden beim Kunden nicht aus dem Homeoffice beheben. Doch laut des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) könnten immerhin 40 Prozent aller Jobs von zuhause aus erledigt werden.

Eine Auswertung der Metasuchmaschine Joblift fand heraus, dass nur 0,1 Prozent von 16,8 Millionen Anzeigen des Online-Stellenmarkts eine Tätigkeit unabhängig von einem festen Standort anbieten. Selbst gelegentliches Arbeiten von zuhause aus bietet gerade mal ein Prozent aller Arbeitgeber an.

Die Quote von Arbeitgebern, die flexiblere Lösungen anbietet, dürfte mittlerweile höher liegen – und damit machen viele Unternehmen einen großen Fehler, indem diese Punkte nicht in Stellenanzeigen erwähnt und hervorgehoben werden.

Immer mehr Bewerber suchen gezielt nach mehr Flexibilität, wünschen sich die Möglichkeit, bei Bedarf von zuhause zu arbeiten oder die Arbeitszeit variabel gestalten zu können. Arbeitgeber, die dies entweder gar nicht anbietet oder das eigene Angebot nicht öffentlich machen, erschweren sich somit die Personalgewinnung und müssen damit rechnen, dass begehrte Fachkräfte zur Konkurrenz gehen, die eigene Vorzüge besser kommuniziert.

Top-Talente stellen wachsende Erwartungen und Ansprüche an Arbeitgeber. Vorbei sind die Zeiten, in denen ausschließlich auf die Bezahlung geachtet wurde. Können Unternehmen hier nicht mithalten, werden sie als Arbeitgeber schnell unattraktiv.

Anwesenheitspflicht abschaffen: Eine wirkliche Alternative?

Bei den zahlreichen Nachteilen einer Anwesenheitspflicht stellt sich die Frage: Sollten Unternehmen zukünftig ganz darauf verzichten? Motto: Ab jetzt arbeiten alle wann und wo sie wollen? Ganz so funktioniert das Arbeitsmodell sicherlich nicht, doch für Unternehmen ist vor allem ein Impuls wichtig: Es wird ein Umdenken benötigt.

Ein fester Arbeitsplatz muss nicht gleich vollkommen abgeschafft werden, um der übertriebenen Anwesenheitspflicht den Kampf anzusagen. Schon eine veränderte Unternehmenskultur und neue Ansichten in den Führungspositionen sind ein großer Schritt. Mitarbeiter sollten nicht das Gefühl haben, dass ihre Anwesenheit höher gewertet wird als die erbrachte Leistung. Warum soll ein Angestellter die gesamte Zeit ins Büro gezwungen werden, wenn die Ergebnisse auch stimmen, wenn er von zuhause oder unterwegs arbeitet?

Das Büro als zentraler Ort der Zusammenarbeit sollte erhalten bleiben, um jedem Mitarbeiter die Möglichkeit zu geben, die eigene Arbeit flexibel zu gestalten. Nicht das Büro ist das Problem, sondern die Anwesenheitspflicht. Hier sollte mit größerer Flexibilität, beispielsweise in Form von Vertrauensarbeitszeiten eine Lösung gefunden werden.

Was mit der Zeit möglich ist, kann ebenso flexibel für den Arbeitsort geregelt werden. Durch Homeoffice-Regelungen oder andere flexible Vereinbarungen kann die Anwesenheitspflicht umgangen werden, um moderne Arbeitsmodelle zu ermöglichen.

[Bildnachweis: bikeriderlondon by Shutterstock.com]
23. April 2019 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Taralej. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.



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