Flexibilität: Wie anpassungsfähig sind Sie?

Kaum etwas ist in den vergangenen Jahren so sehr strapaziert worden wie der Begriff der Flexibilität oder sein Synonym, die Anpassungsfähigkeit. Ständige Projektwechsel, Auslandseinsätze und der technische Fortschritt machen sie unumgänglich, heißt es. Vom lebenslangen Lernen ganz zu schweigen. Es ist das Hohelied auf den Fortschritt, die Marktwirtschaft, den Wettbewerb und das Darwinsche Prinzip, das nicht der Fitteste überlebt, sondern der Anpassungsfähigste. Das mag zwar stimmen. Macht einer wachsenden Zahl von Menschen aber auch enorme Angst…

Flexibilität: Wie anpassungsfähig sind Sie?

Flexibilität in der Arbeitswelt: Groß oder klein?

Flexibilität leitet sich von dem lateinischen Verb flectere ab und bedeutet so viel wie biegen oder beugen.

Im klassischen Sinn beschreibt der Begriff der Flexibilität also Menschen, die in der Lage sind, sich auf neue Anforderungen ihrer Umwelt einzustellen und sich entsprechend anzupassen. Manche dieser Umstellungen sind vorhersehbar, allen bleibt genug Zeit, sich darauf einzustellen. Andere kommen überraschend. Wie Schicksalsschläge oder eine Abwärtsspirale, die scheinbar immer neue, dramatischere Wendungen nimmt. Solche Umschwünge treffen die meisten unvorbereitet. Entsprechend wichtig ist es in der Arbeitswelt, dass Sie flexibel darauf reagieren können.

Nicht wenige erkennen in der Forderung nach mehr Flexibilität heute allerdings nicht nur Chancen. Sie haben Sorge, überhaupt noch Schritt halten zu können. Sich rechtzeitig anpassen und verändern zu können, ist eben nicht gerade bequem. Vielleicht sogar unmöglich. Entsprechend fühlen sich viele damit hoffnungslos überfordert. Ja, geradezu ohnmächtig, weil sie das wahre Ausmaß nicht einschätzen können und mit zu vielen Variablen kalkulieren müssen.

Was für den einen nur eine leichte Veränderung seines Verhaltens impliziert, kann für den anderen schon eine komplette Kehrtwende im Denken und Handeln bedeuten.

Vielen Menschen fällt das auch deshalb so schwer, weil es sie zu einem radikalen Bruch zwingt. Sie müssen liebgewonnene Gewohnheiten ändern, womöglich gar ihr bisheriges (Berufs-)Leben neu arrangieren.

Auf der anderen Seite – und das muss man auch sagen – können Arbeitsabläufe, die tagein und tagaus identisch ablaufen, zu einer gefährlichen Routine führen. Nicht nur, dass womöglich Fehler übersehen werden, weil der Arbeitnehmer sich aller Abläufe sicher wähnt. Ebenso schleicht sich im Laufe der Zeit massive Langeweile ein.

Oder wir wiegen uns in trügerischer Sicherheit: „Wird schon alles so weiterlaufen. Läuft bei mir!“

Veränderungen brechen, so gesehen, nicht nur verkrustete Strukturen auf, sondern können eine herausfordernde Abwechslung sein, die das Gehirn wieder auf Touren bringt. Und nicht zuletzt sind erfolgreich bewältigte Veränderungsprozesse ein Grund, stolz auf die eigene Leistung zu sein.

Flexibilität in der Psychologie: Der Wille zum Wandel

Laut Psychologen spielt die Kindheit für unsere emotionale und geistige Flexibilität eine entscheidende Rolle.

  • Überbehütete Kinder, die etwa von ihren Eltern in Watte gepackt wurden und nie wirklich entscheiden mussten, haben auch nie gelernt, Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen. Werden sie später vor eine Wahl mit weitreichenden Konsequenzen gestellt, fehlt ihnen das Selbstvertrauen, die Situation zu meistern.
  • Auch die persönlichen Erfahrungen sind ausschlaggebend: Wie haben die Kinder früher etwa häufige Ortswechsel erlebt? Fanden sie neue Freunde – oder war der Wandel geprägt durch einen stetigen Abstieg?

Die Folge: Wer in der Veränderung nicht Gutes sehen kann, reagiert entsprechend auch später mit Abwehr und teils irrationalen Ängsten.

Solche Persönlichkeitsmerkmale seien zwar recht stabil, sagt der Trierer Arbeitspsychologe Conny Antoni, „doch wenn Menschen das Gefühl bekommen, auf den Wandel selber Einfluss nehmen zu können, sinkt der Widerstand merklich.“ Oftmals reicht es schon aus, darin einen höheren Sinn oder Zweck zu erkennen.

Geradezu meisterhaft hat das der jüdische Psychologe Viktor Frankl seinerzeit gelöst – jedoch unter schlimmsten Umständen: Die Nazis deportierten den Wiener 1944 in das Konzentrationslager in Türkheim. Er überlebte und verarbeitete seine Erfahrungen später in einem Buch.

So wunderte sich Frankl, warum einige der Häftlinge trotz inhumanster Bedingungen offenbar fähiger waren zu überleben als andere. Dabei erkannte er, dass diejenigen bessere Chancen hatten, die in dieser Hölle dennoch einen Sinn sahen oder ihr zumindest einen gaben.

Frankl selbst etwa klammerte sich an die Vorstellung, später einmal Vorlesungen darüber zu halten, wie sich ein solches Lager auf die Psyche auswirkt – was Jahre später auch geschah.

Das ist natürlich ein Extrem.

Es zeigt aber auch, dass Flexibilität keine übernatürliche Gabe ist. Vielmehr beruht sie auf Verhaltensmustern, die sich jeder ab- beziehungsweise antrainieren kann. Das ist die gute Nachricht:

Flexibilität, mehr noch der Wille dazu, ist keine Charaktereigenschaft, sondern eine Entscheidung und lernbar. Die Vorwärtsverteidigung verschafft einem nicht nur eine Kontrollerfahrung und damit mehr Selbstbewusstsein, sie bringt meist auch mehr Lebenszufriedenheit.

Oder, wie es der Schriftsteller Martin Mosebach einmal formulierte:

Man muss sich um das Neue keine Sorgen machen. Das kommt ganz von selbst.

Geistige Flexibilität und Mobilität im Beruf: Eine notwendige Eigenschaft

Mit Blick auf die rasanten Veränderungen in der Arbeitswelt eint viele Menschen die Befürchtung, sich bis zur Unkenntlichkeit verbiegen und anpassen müssen, bis sie selbst auf der Strecke bleiben. Dabei sind sie oftmals Teil eines Veränderungsprozesses, ohne es bemerkt zu haben.

Oder anders: Viele Menschen sind weitaus flexibler als sie es denken.

Wer hätte vor 30 Jahren gedacht, dass er problemlos mit einem schnurlosen Telefon aus dem Sommerurlaub im Ausland nach Hause telefonieren würde, ohne dabei Unsummen an Geld auszugeben?

Flexibilität heißt ja nicht zwangsläufig, sich an negative Umstände oder Verschlechterungen anpassen zu müssen. Flexibilität kann auch bedeuten, mit dem Fortschritt zu gehen. Die Arbeitswelt und sein Leben zu verbessern.

Sind diese Vorteile klar erkennbar, passen sich die Menschen recht schnell an.

Nicht wenige Stellenanzeigen fordern von Ihren Bewerbern Flexibilität. Das mag auf manche einschüchternd wirken. Zunehmend mehr Unternehmen bieten aber auch Flexibilität, etwa bei der Gestaltung der Arbeitsplätze, beim Arbeitsort (Stichwort Homeoffice) oder sie bieten flexible Arbeitszeiten.

Anpassungsfähigkeit ist nichts, das sich ausschließlich dem Fortschritt technischer Entwicklungen in die Schuhe schieben ließe: Unzählige Jobs haben sich – New Work sei dank – positiv verändert und wandeln sich immer noch.

Flexibilität und Mobilität daher eine enorm wichtige Eigenschaft – nicht nur um Beruf. Was wäre auch die Alternative?

Vor einigen Jahren zum Beispiel veröffentlichte das US-Magazin Fast Company eine Titelgeschichte mit dem Thema „Change or Die“. Die zentrale Frage des Artikels lautete: Könnten Sie Ihr Leben umkrempeln, wenn sie es müssten?

Angenommen der Arzt sagt zu Ihnen: „Es tut mir leid, aber Sie müssen Ihr Leben, alles, was Sie bisher getan haben, Ihre kompletten Pläne und Ziele ändern – oder Sie werden sterben.“ Gemeint sind also nicht so triviale Dinge, wie sich das Rauchen abzugewöhnen. Der Arzt fordert einen radikalen Wandel: Beruf, Privatleben, Freizeit – nichts bleibt, wie es ist. Alles binnen weniger Tage. Es wäre eine Art Zeugenschutzprogramm für jemanden, der gerade Al Capone verraten hat. Könnten Sie das?

Neun von zehn können es nicht. So das Ergebnis einer Umfrage im Artikel. Selbst diejenigen konnten es nicht, die bereits einige Bypässe hatten. Lieber gingen Sie an ihrer Beharrlichkeit und ihren Plänen zugrunde.

Machen Sie den Selbsttest: Wie flexibel sind Sie?

Machen Sie den Selbsttest: Wie flexibel sind Sie?Besitzen Sie das richtige Maß an Flexibilität, das heute Karrieren beflügelt? Finden Sie häufig die perfekte Balance zwischen Anpassung und Tradition, zwischen Toleranz und Treue?

Um das herauszufinden, haben wir hier einen kleinen Selbsttest zur Flexibilität. Beantworten Sie bitte die folgenden 15 Fragen (jetzt oder später – je nachdem, wie flexibel Sie sind). Notieren Sie sich bitte die Punkte, die nach den Antworten stehen und zählen Sie diese am Ende zusammen. Ganz unten finden Sie die Auflösung zum Flexibilitätstest…

1. Sie sind auf einer Party und sehen zwei attraktive Frauen/Männer, die sich unterhalten. Eine gefällt Ihnen besonders gut, also stellen Sie sich dazu und beginnen ein Gespräch mit einer Frage. Doch jedes Mal antwortet die der/die andere. Wie reagieren Sie?

  • Ich gebe auf und ziehe mich zurück. (1)
  • Dann unterhalte ich mich eben mit der anderen Person. (2)
  • Ich versuche es unbeirrt weiter. (0)

2. Sie haben sich mal wieder mit ihren Freunden zu einem Kinoabend verabredet und freuen sich auf den neuen Blockbuster. Doch an der Kinokasse, wollen zwei der Freunde doch lieber die aktuelle Komödie sehen. Was machen Sie?

  • Schaue ich mir eben die Komödie an. (2)
  • Wir wollten den Blockbuster sehen – also bestehe ich darauf, dass wir den sehen. (0)
  • Ich richte mich nach der Mehrheit. (1)

3. So Themen wie Philosophie oder Naturwissenschaften liegen mir gar nicht. Jedenfalls will ich darüber nicht lange nachdenken müssen.

  • Trifft gar nicht zu. (2)
  • Mal so, mal so. (1)
  • Trifft voll zu. (0)

4. In der Mittagspause spricht Sie auf dem Markt ein Fernsehteam an: Sie haben eine einwöchige Überraschungsreise nach Las Vegas gewonnen – alles inklusive. Der Haken: Morgen früh geht’s los. Und? Sagen Sie zu?

  • Auf keinen Fall. Ich lehne dankend ab. (0)
  • Natürlich. Ich reiche sofort Urlaub ein und mache mir eine schöne Woche. (2)
  • Keine Ahnung. Ich kann mich nicht entscheiden. (1)

5. Sie haben sich einen supersexy Bikini (alternativ: nigelnagelneues Surfbrett) gekauft und freuen sich auf den langersehnten Strandurlaub mit Ihrem/Ihrer Liebsten. Doch der/die wird kurz davor krank. Der Arzt rät dringend zur Kur im Gebirge. Was tun Sie?

  • Ich fahre mit ins Gebirge, bin aber sauer. (1)
  • Wir fahren erst eine Woche ins Gebirge und dann eine Woche ans Meer. (2)
  • Er/Sie fährt ins Gebirge – ich fahre ans Meer. (0)

6. Im Urlaub probiere jedes Mal neue Speisen aus.

  • Trifft gar nicht zu. (0)
  • Mal so, mal so. (1)
  • Trifft voll zu. (2)

7. Sie sitzen an einem wirklich dringenden Projekt, das bald fertig werden muss, doch kommen einfach nicht voran. Da bietet Ihnen ein Kollege/eine Kollegin Hilfe an – jedoch unter der Bedingung, dass Sie ihn/sie dafür bezahlen. „Unverschämtheit!“, denken Sie. Aber der Abgabetermin liegt gefährlich nah. Wie entscheiden Sie sich?

  • Ich lehne sofort ab. (0)
  • Ich bezahle und gebe rechtzeitig ab. (2)
  • Kann ich noch nicht sagen, ich wäge noch ab. (1)

8. Wenn ich mit unvorhergesehenen Situationen konfrontiert werde, sehe ich das in erster Linie als Herausforderung.

  • Trifft gar nicht zu. (0)
  • Mal so, mal so. (1)
  • Trifft voll zu. (2)

9. Seit fünf Jahren sind Sie Ihrem Parfüm treu. Doch an diesem Tag teilt Ihnen der Händler Ihres Vertrauens mit, dass der Duft nicht weiter produziert wird. Doch er gibt Ihnen einen Tipp: Eine Filiale, rund 10 Kilometer entfernt, könnte noch einen Restposten haben. Was tun Sie?

  • Ich ziehe sofort los und kaufe den kompletten Rest auf. (1)
  • Ich schaue vielleicht später mal in der Filiale vorbei. (2)
  • Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, sich einen neuen Duft zuzulegen. (0)

10. Die Aussage „Besser der Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach“…

  • Trifft gar nicht zu. (2)
  • Mal so, mal so. (1)
  • Trifft voll zu. (0)

11. Ich habe großen Spaß daran, neue Ideen oder Theorien gedanklich durchzuspielen

  • Trifft gar nicht zu. (0)
  • Mal so, mal so. (1)
  • Trifft voll zu. (2)

12. Wenn meine Aufgaben nicht klar definiert sind, krieg ich jedes Mal eine Krise.

  • Trifft gar nicht zu. (2)
  • Mal so, mal so. (1)
  • Trifft voll zu. (0)

13. Im Restaurant studieren Sie die Karte und entdecken eine Ihrer Leibspeisen. Doch der Kellner teilt Ihnen mit, dass die leider schon aus ist. Er empfiehlt Ihnen stattdessen eine Alternative. Und Sie…

  • Ich bestelle das andere Gericht. (1)
  • Ich bin enttäuscht, bestelle nichts und gehe in ein anderes Restaurant. (0)
  • Ich werfe lieber noch mal einen Blick in die Karte. (2)

14. Ich liebe es, mich unter Druck schnell entscheiden zu müssen.

  • Trifft gar nicht zu. (0)
  • Mal so, mal so. (1)
  • Trifft voll zu. (2)

15. Sich Tagträumen hinzugeben, halte ich für pure Zeitverschwendung.

  • Trifft gar nicht zu. (2)
  • Mal so, mal so. (1)
  • Trifft voll zu. (0)


Auswertung und Auflösung zum Test

Addieren Sie nun alle Punkte der jeweiligen Antworten. Wie viele Punkte haben Sie insgesamt erreicht? Dann bitte hier das jeweilige Feld anklicken:

Was Sie selbst tun können, um flexibler zu werden

Nachdem Sie viel über Flexibilität und Mobilität sowie über sich erfahren haben, fragen Sie sich vielleicht, wie Sie selbst flexibler werden können. Letztlich ist das eine Entscheidung. Sie führt sie heraus aus Bequemlichkeiten und Komfortzonen. Das muss man wollen. Man kann es aber auch trainieren.

Es braucht dazu in der Regel nicht viel mehr als diese drei Schritte:

  • Stellen Sie sich Ihren Ängsten.

    Vor allem den irrationalen und üben Sie eine positive Haltung dazu: Was kann schon schlimmstenfalls passieren? Wie haben andere solche Situationen gemeistert? Oder noch besser:

    Wie haben Sie selbst schon in der Vergangenheit Veränderungen und Umbrüche überwunden? Erinnern Sie sich an Ihre Erfolge und stärken Sie so Ihr Selbstbewusstsein. Und seien Sie nicht allzu kritisch mit sich selbst. Auch Perfektionismus blockiert Sie an der Stelle nur.

  • Erinnern Sie sich an kleinere Wendepunkte von früher.

    Waren die alle durchweg schlecht? Oder gab es auch Gutes daran? Hat es Sie im Leben weitergebracht? Sind Sie daran gewachsen? Je mehr Sie erkennen, dass Veränderungen keine Bedrohungen sein müssen, desto flexibler werden Sie.

  • Geben Sie Ihren Gefühlen nicht so viel Gewicht.

    Ein ungutes Bauchgefühl, so eine Ahnung, dass es ganz furchtbar werden könnte – all das bewahrheitet sich selten und dient eher einer Vorwärtsverteidigung:

    Wenn es dann wirklich einmal knüppeldick kommt, wird man nicht überrascht oder kann sich sogar rühmen: „Ich hab’s doch gesagt!“ Die Kehrseite: Kommt es doch nicht so schlimm, gilt man als Schwarzseher und notorischer Pessimist und hat vor allem viel Nerven, Energie und Lebensfreude eingebüßt.

    Bevor Sie solche Verschwörungstheorien äußern, fragen Sie sich selbstkritisch, ob das nur Gefühle sind oder ob es dafür auch rationale Belege gibt.

Zu viel Flexibilität ist ungesund

Zu viel Flexibilität ist ungesundBei all dem Hohelied auf Flexibilität und Anpassungsfähigkeit: Die Eigenschaft hat natürlich auch Grenzen. Oder wie Paracelsus sagen würde: Die Dosis macht das Gift.

Es allen recht machen zu wollen, sich immer und jeder Meinung flexibel anzupassen, wirkt wie Nervengift: Erst vernebelt es, dann lähmt es. Wer es versucht, wird sich zwangsläufig verzetteln, verliert sein Ziel aus den Augen und opfert obendrein sein Rückgrat. Das kann nicht gut gehen.

Man verliert dabei leicht seine Individualität und Glaubwürdigkeit. Der Verdacht liegt ja auch nahe: Wer sich jedem Widerstand beugt, besitzt weder Standfestigkeit noch Durchsetzungsvermögen. So jemand wird nie andere anleiten können, im Gegenteil: Er wird bereits geführt – von allen.

Der deutsche Dichter und Theologe Johann Peter Hebel (1760-1826) erzählt zum Beispiel die Geschichte von einem Vater, der seinem Sohn die Torheit der Welt zeigen will. Er führt dazu einen Esel aus dem Stall und alle drei wandern in das erste Dorf. Die dortigen Bauern verspotten das Trio und rufen: „Seht doch, diese Narren! Haben einen Esel und keiner sitzt drauf.“

Kaum haben sie das Dorf verlassen, setzt sich der Vater auf den Esel, und der Sohn führt beide in das zweite Dorf. Wieder spotten die Bauern: „Was für ein Gespann! Der Alte reitet und der arme Junge muss laufen.“

Kurz hinter dem Dorf tauschen Vater und Sohn die Rollen. Nun reitet der Junge ins dritte Dorf. Auch hier kommen die Bauern zusammen und schimpfen: „Es ist nicht recht, dass der Alte laufen muss. Der Junge hat die kräftigeren Beine – soll er doch zu Fuß gehen!“ Auch dieses Dorf lassen sie hinter sich.

Nun setzen sich beide auf den Esel – der Vater vorn, der Junge dahinter. So reiten sie gemeinsam in die vierte Siedlung, und man ahnt es längst: Auch hier finden die Bauern Anstoß an den Gefährten: „Pfui, ihr Tierquäler“, rufen sie. „Ihr wollt wohl das arme Tier zu Tode reiten? Man sollte einen Stock nehmen und beide herunterschlagen!“

Da erreichen beide schließlich das fünfte Dorf. Noch vor dem Eingang binden sie die Beine des Esels zusammen, fädeln sie durch eine Stange und tragen so den Esel auf ihren Schultern durch den Ort. Als die Leute das sehen, verhöhnen sie Vater und Sohn und jagen alle drei mit Steinwürfen aus dem Dorf.

Die Versuchung ist manchmal groß, einzuknicken, nachzugeben, um nicht zu kämpfen oder zu Schaden zu kommen. Der Grund: Es ist bequemer.

Die meisten Menschen aber verachten Anpasser und Wendehälse. Respekt und Anerkennung resultieren nicht aus dem Grad, wie sehr man sich verbiegen kann, sondern wie man Konflikte durchsteht. Bücher wie Zeitschriften sind voll mit bewundernden Geschichten über Menschen, die für ihre Sache eingestanden sind – selbst wenn sie sich dabei irrten.

Bleiben Sie also anpassungsfähig – pflegen Sie Ihre Flexibilität aber nicht um jeden Preis.

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[Bildnachweis: Iaroslav Neliubov by Shutterstock.com]
29. März 2019 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Taralej. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.



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