Geisteswissenschaften studieren: Karriere oder Taxifahren?

Die Geisteswissenschaften haben keinen guten Ruf. Als „Laberfächer“ werden bereits Schulfächer disqualifiziert, die im Gegensatz zu den Naturwissenschaften angeblich kein Lernen, keine Vorbereitung und keine Anstrengung brauchen. Dieser Blick auf die Geisteswissenschaften zieht sich so fort: Nicht wenige Absolventen geisteswissenschaftlicher Fächer kämpfen auf dem Arbeitsmarkt mit einem direkten Berufseinstieg. Viele Unternehmen können mit den Studieninhalten nicht viel anfangen und daher nicht einschätzen, welche Vorteile solche Bewerber bieten. Dazu kommt, dass geisteswissenschaftliche Studiengänge selten am wirtschaftlichen Bedarf orientiert sind. Was heißt das für Studierende – studieren sie auf „Taxischein“? Gibt es wirklich keine Jobs in den Geisteswissenschaften beziehungsweise für Geisteswissenschaftler? Wir zeigen, für wen sich dieses Studium lohnt und geben Tipps, wie es nach dem Studium weitergeht…

Geisteswissenschaften studieren: Karriere oder Taxifahren?

Was zählt zu den Geisteswissenschaften?

Geisteswissenschaften Schulfächer NaturwissenschaftenWissenschaften lassen sich in unterschiedliche Teilgebiete aufteilen. Nicht immer sind die lassen diese sich klar von einander abgrenzen. Eine grobe Einteilung sieht so aus:

  • Geisteswissenschaften,
  • Humanwissenschaften,
  • Naturwissenschaften und
  • Strukturwissenschaften.

Zu definieren, was als Geisteswissenschaften bezeichnet wird, ist nicht ganz einfach – nahezu 40 unterschiedliche Fächer weist die deutsche akademische Bildungslandschaft auf. Zählt man sämtliche Ausrichtungen und Bezeichnungen aller Hochschulen zusammen, kommt man sogar auf mehrere tausend.

Das hängt damit zusammen, dass ein und dasselbe Fach teilweise verschiedene Bezeichnungen (und damit Schwerpunkte) hat, beispielsweise firmiert die Volkskunde auch unter:

  • (Angewandte) Kulturwissenschaften
  • Anthropologie
  • Europäische Ethnologie
  • Kultur- und Sozialanthropologie

Am ehesten gelingt eine Definition noch in Abgrenzung zu anderen Bereichen.

Naturwissenschaften beschäftigen sich beispielsweise mit Astronomie, Biologie, Chemie, Geologie und Physik. Zu den Strukturwissenschaften zählen unter anderem Mathematik und Ingenieurswissenschaften. Schwierig wird allerdings bereits die Unterscheidung zwischen Geistes- und Humanwissenschaften.

Denn in beiden Wissenschaftszweigen steht oft der Mensch im Mittelpunkt, was sich im Englischen niederschlägt: Dort wird Geisteswissenschaften als (the) humanities oder auch (the) arts bezeichnet.

Letzteres spiegelt sich in den alten deutschen Universitätsgraden für die Geisteswissenschaften wider, Magister Artium (Meister der Künste) – im Gegensatz etwa zum Diplom, das überwiegend für technische, mathematische oder auch humanwissenschaftliche Fächer wie Psychologie üblich war.

Nicht selten sind sogenannte „Orchideenfächer“ geisteswissenschaftliche Fächer, beispielsweise…

  • Musikjournalismus
  • Koptologie
  • Sinologie
  • Sorabistik
  • Textilkunde
  • Ur- und Frühgeschichte

Besondere Herausforderungen für Geisteswissenschaftler

Oft wird kritisiert, dass Geisteswissenschaften nicht am Arbeitsmarkt orientiert seien. Und tatsächlich erschließt sich nicht auf den ersten Blick, welche praktische Anwendbarkeit beispielsweise die Kenntnis über Schmuck aus der vorchristlichen Latènekultur für eine Stelle bei einem multinationalen Großkonzern mit sich bringt.

Der Vorwurf lautet somit – mal subtil, mal weniger verhohlen: Wer Geisteswissenschaften studiert, lebt in einem Elfenbeinturm, ist weltfremd und steuert geradewegs auf die Arbeitslosigkeit zu. Oder es reicht so gerade, sich mit geringqualifizierten Jobs über Wasser zu halten – eben beispielsweise als Taxifahrer.

Hier kommen mehrere Aspekte zum Tragen:

  • Tatsächlich wird in vielen Geisteswissenschaften der wissenschaftliche Nachwuchs ausgebildet. Das bedeutet, die Fächer sind von vornherein theorielastig angelegt: geeignet, um Forschung auf einem bestimmten Gebiet betreiben zu können.
  • In geisteswissenschaftlichen Fächern, die gleichzeitig als Schulfächer existieren – beispielsweise Deutsch, Englisch, Geschichte – wird praxisnah auf den beruflichen Alltag an Schulen ausgebildet. Allerdings liegt das Hauptaugenmerk auf der Zeit nach dem universitären Studium, im Referendariat.
  • Gleichzeitig schreiben sich jedes Jahr tausende von Erstsemestern an den Universitäten für Geisteswissenschaften ein – längst nicht alle mit dem Ziel, ein Lehramtsexamen zu absolvieren. Mehr Studierende, als de facto zu besetzende Stellen an den Universitäten freiwerden.

Geisteswissenschaften fördern Generalisten

Geisteswissenschaften JobsHier beginnt gewissermaßen das Drama. Wer Geisteswissenschaften studiert oder plant zu studieren, muss sich darüber im Klaren sein, dass es meist kein klares Berufsbild gibt. Was heißt das?

Berufe lassen sich in drei Kategorien einteilen:

  • Berufe mit klarem Berufsbild

    Das sind solche, deren Ausbildung/Studium zu einem klar umrissenen Job führt. Wer beispielsweise Medizin studiert, wird üblicherweise Arzt – das ist zumindest die naheliegende Verwendung, auch wenn ein Mediziner ebenso gut Medizinjournalist werden könnte.

  • Berufe mit Berufsfeld

    Dazu gehören beispielsweise Fächer wie Betriebswirtschaftslehre. Die Branchen können völlig unterschiedlich sein, die Aufgaben ähneln sich dennoch.

  • Berufe für Generalisten

    Besonders Geistes- und Sozialwissenschaften sind generalistisch angelegt. Die Branchen sind ebenfalls völlig unterschiedlich, allerdings wird ein Generalist nie einen Beruf mit klarem Berufsbild ausüben können, sofern er nicht qua Ausbildung/Studium dafür qualifiziert ist. Ähnliches gilt für das Berufsfeld.

Ausnahmen bei Geisteswissenschaftlern sind die zuvor erwähnten Karrierewege in Lehre und Forschung, also als Dozent für eben diese Fächer an der Universität oder als Lehrer an der Schule.

Wege zum Job: Erkennen Sie Ihre Kompetenzen

Der Berufseinstieg geisteswissenschaftlicher Absolventen gestaltet sich mitunter deshalb schwierig, weil sie selbst sich oft nicht gerade vorteilhaft präsentieren. Sie scheitern daran, ihre Kompetenzen in Bezug auf die ausgeschriebene Stelle deutlich herauszustellen.

Das ist auch nicht verwunderlich, da die öffentliche Meinung oft abwertend ist – Fragen wie „Was macht man denn damit?“ Oder „Gibt es denn überhaupt Jobs dafür?“ zeugen häufig vom Unverständnis. So internalisieren manche Studierende diese Ansicht unreflektiert.

Zur mangelnden mangelnde Selbstpräsentation auf Bewerber-Seite kommt noch ein weiterer Grund: Viele Geisteswissenschaftler absolvieren ihr Studium aus Überzeugung und Begeisterung für das Thema.

Der praktische Nutzen im späteren Job ist vielen jedoch nicht so klar. Der erste Schritt besteht daher darin, sich die eigenen Kompetenzen und Fähigkeiten bewusst zu machen. Der berufliche Bezug spielt zunächst noch keine Rolle.

Dabei gibt es einige typische Kompetenzen und Eigenschaften, über die Geisteswissenschaftler häufig verfügen und die für Arbeitgeber attraktiv sind:

  • Die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge schnell zu erfassen und Auswirkungen frühzeitig zu erkennen.
  • Das Denken in Netzwerken und Zusammenhängen, das oft zu erstaunlich kreativen Verknüpfungen und Lösungen führt.
  • Die Fähigkeit, Dinge zu hinterfragen, verschiedene Perspektiven einzunehmen.
  • Ein gutes Abstrahierungsvermögen und die Fähigkeit zur differenzierten Betrachtung.
  • Eine schnelle Auffassungsgabe, die es Geisteswissenschaftlern erlaubt, sich auch in komplexe Situationen und Zusammenhänge schnell einzuarbeiten.
  • Die Fähigkeit zur systematischen Analyse und Bearbeitung von Literatur und Quellen.
  • Der geübte Umgang mit großen Textmengen und die Fähigkeit, diese schnell zu erfassen und wichtige Informationen extrahieren zu können.

Wichtig ist, dass Sie in einer Stärken- und Schwächen-Analyse ermitteln, was Sie wirklich gut können und welche Fähigkeiten und Eigenschaften Sie auszeichnen.

Nehmen Sie die folgenden Fragen als Basis:

  • Welche Arbeitsschritte und Aufgaben fallen mir im Studium leicht?
  • Welcher Teil des wissenschaftlichen Arbeitens liegt mir besonders gut?
  • Bei welchen Arbeitsschritten tue ich mich schwer?
  • Welche Fachgebiete und Aufgaben interessieren mich?
  • Welche Stärken sehen und schätzen meine Freunde und Professoren an mir?
  • Welche Schwächen machen mir immer wieder zu schaffen?
  • Kann ich mich schnell und leicht in neue Gebiete einarbeiten?

Beantworten Sie diese Fragen bitte ehrlich sich selbst gegenüber. Nur so gewinnen Sie eine erste Orientierung. Danach folgt der zweite Schritt…

Einstieg in den Arbeitsmarkt

Leider sind die aus den obigen Fragen gewonnenen Erkenntnisse im Wesentlichen Soft Skills, am Arbeitsmarkt gefragt sind Hard Skills, Muss-Qualifikationen.

Einige Fächer in den Geisteswissenschaften wissen um die mangelnde Nähe zum späteren Arbeitsmarkt und bilden im Anschluss an die universitäre Lehre entsprechend praxisnah aus. Wer Jura studiert, absolviert nach dem Studium ein Referendariat, ebenso wie angehende Lehrer.

Gleiches gilt für zukünftige Journalisten, PR-Berater und Museumsmitarbeiter, die ein Volontariat machen. Wer das Glück hat, solche Stellen zu bekommen, hat den zweiten Schritt hinter sich – denn danach ist die oft geforderte Berufserfahrung nachweisbar.

Allerdings sind Volontariatsstellen rar und oftmals schlecht bezahlt: Es gibt eben deutlich mehr geisteswissenschaftliche Akademiker als Stellen. Dazu kommt, dass kulturelle Einrichtungen wie Stiftungen und Museen oft von öffentlichen Mitteln abhängig sind, also notorisch klamm bei Kasse. Was also tun?

  • Studium

    Richten Sie bereits Ihr Studium so aus, dass Sie möglichst viele Praxisanteil haben. Möglichkeiten sind zum Beispiel:

  • Netzwerk

    Wer nie ein Unternehmen von innen gesehen hat, hat Schwierigkeiten, sich typische Arbeitsabläufe und Tätigkeiten vorzustellen. Das wiederum erschwert es, die in Stellenausschreibungen geforderten Fähigkeiten mit den eigenen Kenntnissen in Verbindung zu bringen und einzuschätzen.

    Um die fehlende Erfahrung auszugleichen, sollten Sie sich als Absolvent mit Young Professionals und berufserfahrenen Arbeitnehmern mit geisteswissenschaftlichem Hintergrund zusammensetzen und deren Erfahrungen für sich nutzen. Eine Möglichkeit für die Kontaktaufnahme bieten hier die Alumni-Foren und -Veranstaltungen, die an allen Hochschulen angeboten werden.

    Suchen Sie aktiv den Kontakt, beteiligen Sie sich an Gesprächen und stellen Sie Fragen zum Arbeitsalltag. Das hilft dabei, sich schnell einen ersten Eindruck über den Arbeitsalltag zu verschaffen und Ihre Kompetenzen nach und nach zuzuordnen.

    Ein weiterer Vorteil solcher Veranstaltungen: Sie präsentieren sich, können im Gespräch Einblick in Ihre Kenntnisse und Schwerpunkte gewähren und so auf sich als potenzieller Mitarbeiter aufmerksam machen.

  • Praktika

    Selbst die besten Gespräche können eigene Erfahrungen jedoch nicht ersetzen. Daher sollten Sie sich bereits während des Studiums nach Praktika umschauen und Ihre Studentenjobs möglichst in Unternehmen zu absolvieren, die Sie inhaltlich weiterbringen und/oder als Arbeitgeber infrage kommen. Vielleicht sind in unserer Jobbörse schon einige Angebote für Sie dabei:

    Stellenanzeigen finden Sie auf taralej.info.


Die meisten dieser Optionen bedeuten einen zusätzlichen Aufwand neben dem regulären Studium. Aber: Wenn Sie das notwendige Engagement investieren, profitieren Sie davon mehrfach. Sie verbessern so nicht nur Ihre Bewerbungs- und Jobchancen, sondern erhalten wichtige Impulse für Ihre persönliche Entwicklung und Ihr Studium.

[Bildnachweis: Dean Drobot by Shutterstock.com]
27. Juni 2019 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Taralej widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.



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