Mittlere Reife: Diese Chancen haben Sie

Die vielen Loblieder auf Abitur und Studium führen dazu, dass die mittlere Reife entweder ignoriert und übersehen oder aber schlechtgeredet wird. Motto: Mit der mittleren Reife lässt sich kaum etwas anfangen, wer etwas erreichen will, muss schon Abitur haben. Das ist jedoch schlichtweg nicht wahr! Auch mit mittlerer Reife stehen Ihnen viele Türen offen und sie muss kein Hindernis für eine erfolgreiche Karriere sein. Warum die mittlere Reife besser ist als ihr Ruf und welche Chancen Sie damit haben…

Mittlere Reife: Diese Chancen haben Sie

Was ist die mittlere Reife?

Mittlere Reife Definition Realschulabschluss nachholen mit Qualifikation Erklärung Schule AbschlussIn Deutschland können Schüler vier Schulabschlüsse machen:

  • Hauptschulabschluss
  • Realschulabschluss
  • Fachabitur (offiziell: Fachhochschulreife)
  • Abitur (offiziell: Allgemeine Hochschulreife)

In Anlehnung an die Fachhochschul- und allgemeine Hochschulreife wird der Realschulabschluss als mittlere Reife bezeichnet. Dieser Begriff ist weit verbreitet; da Bildung allerdings Ländersache ist, sind abhängig von den jeweiligen Bundesländern verschiedene Begriffe für den mittleren Schulabschluss gültig und gängig.

So wird in Nordrhein-Westfalen (NRW) und in Niedersachen beispielsweise vom Sekundarabschluss I gesprochen, in Brandenburg heißt es Fachoberschulreife und im Saarland lautet die Bezeichnung mittlerer Bildungsabschluss. Gemeint ist mit all den Namen jedoch immer ein gleichwertiger Schulabschluss.

Erreicht wird die mittlere Reife klassischerweise nach der 10. Klasse mit einem Abschlusszeugnis der Realschule. Voraussetzung ist, dass die Das ist jedoch längst nicht die einzige Möglichkeit. Erworben werden kann sie außerdem an folgenden Schulen:

  • Gymnasien,
  • Gesamtschulen,
  • Sekundarschulen,
  • Förderschulen,
  • Berufsschulen,
  • Berufsfachschulen,
  • Kollegschulen (in Nordrhein-Westfalen) und im Rahmen des Berufsvorbereitungsjahres.

Selbst an Hauptschulen lässt sich die mittlere Reife erwerben, sofern ein zehntes Schuljahr nebst speziellen Prüfungen absolviert werden kann.

Voraussetzungen für den Realschulabschluss

Wer die Schule mit mittlerer Reife abschließen will, muss entsprechende Noten vorlegen. Die geringsten Anforderungen bestehen, wenn Sie nach der Realschule keinen höher qualifizierten Schulabschluss planen:

In dem Fall sollten Sie wenigstens mit „ausreichend“ und in zwei Fächern mit „befriedigend“ abschneiden. Bedenken sollten Sie allerdings, dass dies das Zeugnis ist, mit dem Sie sich um einen Ausbildungsplatz bewerben. Überall eher mittelmäßige Noten hinterlassen einen wenig engagierten Eindruck.

Sollten Sie außerdem aufs Gymnasium wechseln wollen, dann brauchen Sie mindestens ein „befriedigend“ – schlechtere Noten können bis zu einem gewissen Umfang mit besseren Noten ausgeglichen werden.

Mittlere Reife nachholen: Lohnt sich das?

Außerdem lässt sich im Rahmen des zweiten Bildungswegs an Abendschulen die mittlere Reife nachholen.

Hierbei handelt es sich um sogenannte Abendrealschulen, an denen die mittlere Reife innerhalb von zwei Jahren erworben wird. Auch an Volkshochschulen (VHS) ist das möglich: Es gibt VHS-Kurse, die die Inhalte typischer Schulfächer vertiefen – die Abschlussprüfungen finden dann meist extern statt.

Die VHS Osnabrücker Land (PDF) bietet beispielsweise an, vormittags innerhalb eines Jahres den Sekundarabschluss I beziehungsweise den erweiterten Sekundarabschluss I zu erhalten.

Interessant sind oben genannte Optionen für Schulabbrecher und Schulabgänger, die zwar die Vollzeitschulpflicht erfüllt haben – in Nordrhein-Westfalen sind das neun bis zehn Schuljahre -, aber kein Abschlusszeugnis vorweisen können, da sie die Versetzung in die nächste Klasse nicht geschafft hätten.

Wer hingegen in NRW nach der neunten Klasse die Hauptschule ganz normal verlässt, hat einen Hauptschulabschluss gemacht, aber keine mittlere Reife erworben – die wird erst durch den mittleren Schulabschluss (Fachoberschulreife) erworben, wer die zehnte Klasse mit Typ B abschließt.

Die Frage, ob es sich lohnt, die mittlere Reife nachzuholen, muss zwar einerseits jeder für sich selbst beantworten. Andererseits kann sie kurz mit ja beantwortet werden. Das hängt daran, dass zwar einerseits das Grundgesetz die freie Berufswahl garantiert, andererseits viele Unternehmen für ihre Ausbildungsberufe nur Hauptschulabgänger mit exzellenten Noten nehmen oder aber von vornherein einen Realschulabschluss – also die mittlere Reife – erwarten.

Wer in sich und seine Bildung investiert, hat also bessere Karten, da die Konkurrenz oft groß ist.

Erfolgreich mit mittlerer Reife: Braucht es immer ein Studium?

Mittlere Reife nachholenErst Abitur mit Bestnoten, dann ein gutes Studium und im Anschluss in einen akademischen Beruf einsteigen. Diese Vorstellung gilt als Nonultra für den Werdegang von Schülern und den Start ins Berufsleben. Dieser Weg bringt die größten Chancen und verspricht statistisch die besten Verdienstmöglichkeiten.

Und fairerweise muss gesagt werden, dass ein abgeschlossenes Studium einige Türen öffnen kann, die mit mittlerer Reife möglicherweise verschlossen bleiben. Manche Stellen erfordern den Abschluss eines Studiums, einige Arbeitgeber bevorzugen Hochschulabsolventen.

Zu behaupten, mit mittlerer Reife könnten Sie nicht erfolgreich sein, ist jedoch falsch. Für den beruflichen Weg nach der Realschule stehen Ihnen verschiedene Optionen zur Verfügung, die alle zum Erfolg führen können:

  • Ausbildung

    Viele entscheiden sich für eine Ausbildung, sammeln Berufserfahrung und entwickeln von dort aus ihre Karriere. Wer sich gut macht, kann im Unternehmen aufsteigen, zur Führungskraft werden und wichtige Funktionen übernehmen – auch ohne Studium.

    Daneben gibt es Menschen, die sich vor allem in ihrem Gebiet weiterentwickeln wollen und weniger an Führungsaufgaben interessiert sind. Sie verfolgen einen eher horizontalen Karriereplan und werden zum Experten auf ihrem Gebiet.

    Ebenfalls sehr beliebt mit mittlerer Reife sind handwerkliche Berufe. Hier gibt es die Möglichkeit, einen Meistertitel zu machen und einen eigenen Betrieb zu gründen.

    Mehr dazu lesen Sie hier:

  • Fachabitur/Abitur

    Zusätzlich können Sie nach der mittleren Reife auch Ihre schulische Ausbildung noch weiterführen und beispielsweise eine kaufmännische Berufsschule besuchen. So erwerben Sie Ihr Fachabitur und können – falls dies erwünscht ist – noch ein Studium nachholen. Ansonsten ist es aber auch eine gute Grundlage, um in einem kaufmännischen Beruf tätig zu werden und bereits einiges an Wissen und Erfahrung mitzubringen.

    Oder Sie besuchen ein Abendgymnasium und holen das Abitur nach. Das lohnt sich vor allem dann, wenn Sie sich sicher sind, dass Sie studieren wollen. Sie unterliegen dann – von Fächern mit Numerus Clausus abgesehen – keinerlei Beschränkungen und können frei entscheiden, ob Sie an einer Fachhochschule oder einer Universität studieren.

    Mehr dazu lesen Sie hier:

Mittlere Reife: Vorteile mit Realschulabschluss

Abitur und Studium gelten als beste Voraussetzungen, um auf das Berufsleben vorbereitet zu sein, doch auch die mittlere Reife hat durchaus einige Vorteile, die nicht ignoriert werden sollten. Das nimmt einigen Druck von den Schultern vieler Schüler, denen regelrecht eingeredet wird, dass auf jeden Fall das Abitur erreicht werden muss.

Da kann es gut tun, sich vor Augen zu führen, wo die mittlere Reife einige Vorteile mitbringt:

  • Viele unbesetzte Ausbildungsplätze

    Seit Jahren steigen die Zahlen der Studenten, jeder will an die Universität. Auf der anderen Seite bleiben jedes Jahr viele Ausbildungsplätze unbesetzt, weil es nicht genügend passende Bewerber für diese Positionen gibt. Die mittlere Reife mit guten Noten ist daher eine optimale Voraussetzung, um ohne größere Probleme eine Lehrstelle in dem Beruf zu finden, den Sie anstreben. Statt ewiger Suche und unzähligen Absagen kann es im besten Fall beim Wunscharbeitgeber klappen.

  • Früherer Einstieg in den Beruf

    Erst Abitur, dann das Studium, eventuell sogar noch Wartesemester und im Anschluss noch einen Master. Mitte bis Ende Zwanzig ist ein normaler Einstiegsalter in den Beruf, wenn zunächst die Universität abgeschlossen wird. Wer nach der mittleren Reife sofort eine Ausbildung macht, kann zu diesem Zeitpunkt bereits einige Jahre im Beruf sein, sich einen guten Ruf erarbeiten und sogar bereits die erste Beförderung oder Weiterbildung hinter sich haben, um noch weiter aufzusteigen. Zudem bedeutet der frühere Einstieg, dass bereits eher mit dem Geldverdienen begonnen werden kann.

  • Chancen auf Übernahme

    Nach dem Studium geht es für Absolventen auf den offenen Arbeitsmarkt, nur wenige Ausnahmen haben das Glück, schon Fuß in einem Unternehmen gefasst zu haben. Machen Sie nach der mittleren Reife hingegen eine Ausbildung, können Sie direkt im Anschluss übernommen werden. Keine lästigen Bewerbungen, keine Lücken im Lebenslauf, bessere Planungsmöglichkeiten für die Zukunft. Läuft es richtig gut, bekommen Sie sogar gleich einen unbefristeten Vertrag und müssen sich nicht von einer Befristung zur nächsten hangeln, was leider für auch nach einem Studium für viele zur Realität zählt.

  • Größerer Anteil an Praxis

    Der wahrscheinlich häufigste Kritikpunkt an einem Studium im Vergleich zur Ausbildung ist die fehlende Praxis. Die Wissensvermittlung findet fast ausschließlich in der Theorie statt, praktische Anwendung gehört nur selten zum Lehrplan. Nach dem Abschluss muss dann im Job erst einmal gelernt werden, das Wissen im Berufsalltag wirklich zu nutzen. Auch ist der hohe Theorieanteil nicht für jeden geeignet, manche brauchen mehr Praxis. Natürlich gehört die Theorie auch bei einer Ausbildung mit mittlerer Reife dazu, allerdings steht hier die Praxis im Vordergrund und Sie werden direkt im Betrieb ausgebildet.

[Bildnachweis: ESB Professional by Shutterstock.com]
24. Juli 2019 Nils Warkentin Autor Profilbild Autor: Nils Warkentin

Nils Warkentin studierte Business Administration an der Justus-Liebig-Universität in Gießen und sammelte Erfahrungen im Projektmanagement. Auf der Taralej widmet er sich Themen rund um Studium, Berufseinstieg und Büroalltag.



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