Studienabbrecher: So geht es weiter

Die Anzahl der Studierenden ist so hoch wie noch nie. Gleichzeitig wächst seit Jahren die Zahl der Studienabbrecher. Obwohl durch viele verschiedene Initiativen versucht wird, diese Zahl möglichst gering zu halten, sind es aus Sicht der Regierung immer noch zu viele: Etwa ein Drittel aller Studierenden verlässt ohne Abschluss die Hochschule. Für die Betroffenen geht oft eine quälende Zeit voraus. Sich einzugestehen, dass das Studium aus welchen Gründen auch immer nicht das Richtige ist, ist meist der schwierigste Part. Viel drängender ist allerdings die Frage nach dem Danach: Wie geht es weiter? Doch eine Ausbildung machen? Den Quereinstieg versuchen? Fragen über Fragen… Wir zeigen Ihnen Ihre Möglichkeiten.

Studienabbrecher: So geht es weiter

Statistik: Studienabbrecher gleich Versager?

Allein der Begriff Studienabbrecher klingt nicht gerade verheißungsvoll: Ein Studium wurde angefangen und nicht beendet. Das eigentliche Ziel nach der Immatrikulation an einer Hochschule ist die erfolgreiche Beendigung, die durch einen akademischen Grad nachgewiesen wird.

Das geschieht heutzutage durch die Abschlüsse Bachelor und Master. Die allerdings immer seltener erlangt werden. Wer lange darauf hingearbeitet hat und für wen immer klar war, dass er oder sie studieren will, hat nach dem Studienabbruch meist mit starken Selbstzweifeln zu kämpfen.

Die Zahl der Studienabbrecher steigt kontinuierlich, wenngleich keine genauen Zahlen existieren. Das hängt damit zusammen, dass kein Studienabbrecher verpflichtet ist, genauere Angaben zu Gründen oder Anschlusstätigkeiten zu machen. Mancher Studierender ist beispielsweise offiziell noch eingeschrieben, besucht aber de facto keinerlei Veranstaltungen mehr.

Statistiken zu Studienabbrechern hinken also immer einige Jahre hinterher. Die derzeit aktuellsten Daten stammen aus der Studie (PDF) von 2018 vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) und beziehen sich auf 2016.

Demnach verlässt mehr als jeder Vierte die Hochschule ohne Abschluss: An Universitäten liegt die Quote der Studienabbrecher bei 32 Prozent, an Fachhochschulen (FH) mit 27 etwas niedriger. Grund dafür könnte der oftmals höhere Praxisbezug bei den Fachhochschulen sein.

Ziemlich dramatisch sieht die Lage vor allen bei den Studiengängen aus, die am dringendsten Nachwuchs bräuchten: 41 Prozent beträgt die Abbrecherquote im Bachelorstudium in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Studiengängen an Universitäten, 34 Prozent die der Fachhochschulen.

Gering hingegen die Studienabbrecherquote bei den Staatsexamensstudiengängen Medizin und Lehramt. Dort liegt sie nach wie vor bei 6 Prozent beziehungsweise 14 Prozent. Erklärt wird dies mit der meist hohen intrinsischen Motivation.

Die meisten Studienabbrecher verlassen bereits innerhalb der ersten beiden Semester die Hochschule, ein weiteres Drittel entschließt sich im dritten oder vierten Semester zum Studienabbruch.

Die gute Nachricht: Die allermeisten finden schnell einen Weg, wie es beruflich weitergeht.

Gründe für den Studienabbruch

Studienabbrecher GründeEs gibt eine Reihe von Gründen, die das Studium erschweren und zum vorzeitigen Studienabbruch führen. Teilweise lassen die Studienbedingungen zu wünschen übrig – überfüllte Hörsäle, zu wenig Lehrpersonal bei hoher Nachfrage oder ungünstige Zeiten, die mit anderen Kursen kollidieren: All das kann dazu führen, dass ein Studium sich verzögert.

Gerade bei Bafög-Empfängern hängt ein Rattenschwanz an Folgen daran, wenn Studienleistungen nicht zum vorgeschriebenen Zeitpunkt erbracht werden. Manchmal führt dann eins zum anderen. Daneben gibt es Gründe, die in der Person des Studienabbrechers oder seiner persönlichen Situation liegen:

  • Die Anforderungen sind zu hoch.

    Mit der Bildungsreform wurde vielen Schulabgängern die Hochschulreife erteilt. Aber nicht alle Schulabgänger bringen die „erforderliche Studierfähigkeit“ mit. Oder anders formuliert: Die mit Abstand meisten Studienabbrecher scheitern bereits an den universitären Anforderungen. Das ist das Ergebnis einer weiteren Studie des DZHW (ehemals HIS) auf Grundlage von Befragungen. Demnach gaben 30 Prozent aller Studierenden als Gründe für den Abbruch Leistungsprobleme an, unter anderem Leistungsdruck oder nicht bestandene Prüfungen.

  • Es hat keine inhaltliche Auseinandersetzung stattgefunden.

    Nicht wenige Abiturienten sehen das Studium als erklärtes Ziel. Lange galt: Für eine Ausbildung wird kein Abitur benötigt. Wenn also das Abitur erworben wird, folgt fast automatisch die Orientierung hin zum Studium. Was allerdings oft fehlt, ist die inhaltliche Auseinandersetzung. Es wird keine bewusste Berufswahl für etwas getroffen, sondern lediglich gegen etwas, nämlich den Ausbildungsweg. Die Vorstellung über das Fach sind diffus und teilweise lediglich vom sozialen Aufstieg geprägt. Die höchsten Studienabbrecherquoten haben mit 35 Prozent die Ingenieurswissenschaften zu verzeichnen.

  • Persönliche Schwierigkeiten belasten den Studienalltag.

    Private Probleme wie Trennungen, Krankheit und verminderte Stressresistenz setzen fast jedem zu. Entscheidend ist, wie resilient diejenige Person ist. Ein weiterer Aspekt: Besonders schwer fällt es Kindern aus nichtakademischen Haushalten beziehungsweise mit Migrationshintergrund, sich an der Hochschule zurechtzufinden. Hier sind viele Studienabbrecher zu verzeichnen. Denn der Studienerfolg hängt nicht allein von der Intelligenz ab. Etliche Faktoren wie Unterstützung durch Rat und Tat vom Elternhaus tragen entscheidend dazu bei.

  • Es fällt schwer, sich zu motivieren.

    Gerade das Studium an der Universität erfordert eine gute Selbstorganisation. Genau das haben viele Erstsemester nicht gelernt. Sie sehen das erforderliche Lernpensum und stürzen sich ohne soliden Lernplan und ohne Kenntnis hilfreicher Lernmethoden auf die Inhalte. Meist kommt dabei die Freizeit zu kurz, weil irrigerweise Freizeit mit faulenzen gleichgesetzt wird. Die Folge sind schließlich frustrierte Studierende, die den Spaß am Studium verlieren.

  • Die finanzielle Belastung ist hoch.

    So manch einer schmeißt das Handtuch, weil das Geld nicht reicht. Zwar gibt es mit dem Bafög oder auch diversen Stipendien staatliche finanzielle Unterstützung. Allerdings ist diese oft an bestimmte Auflagen geknüpft. Werden die nicht oder nicht mehr erfüllt, versiegt das Geld. Selbst mit staatlicher Hilfe reicht es nicht immer, da die Lebenshaltungskosten – allen voran die Miete – in an Hochschulstandorten deutlich teurer als in anderen Städten ist. Viele halten sich mit Studentenjobs über Wasser und haben so noch weniger Zeit, ihre Studienleistungen zu erbringen.

Vorbeugende Beratung für Studienabbrecher

So bitter das für manche auch sein mag, wenn ein Traum zerplatzt: Ein Studienabbruch ist kein Beinbruch. Einer älteren Studie der DZHW zufolge hätten nur 6 Monate nach Verlassen der Hochschule die meisten Studienabbrecher bereits eine Alternative gefunden: 43 von ihnen machten eine Ausbildung, 31 Prozent gingen einer Erwerbstätigkeit nach.

Natürlich lässt sich an dieser Stelle keine pauschale Aussage für alle Studierenden treffen, die einen Studienabbruch in Erwägung ziehen. Abhängig ist dies von den persönlichen Gründen, die so eine Überlegung begleiten. Die wichtigste Nachricht in diesem Zusammenhang: Es gibt diverse Beratungsangebote für potenzielle Studienabbrecher.

Eine erste Anlaufstelle ist tatsächlich die zentrale Studienberatung der Hochschule (ZSB). Hier können Sie allgemeine Fragen zu Studieninhalten der Fächer stellen und mögliche Alternativen in Erfahrung bringen, falls beispielsweise ein Studienfachwechsel infrage kommt. Die ZSB ist ebenfalls für Sie zuständig, falls es um psychische Probleme und Fragen der Studienorganisation geht.

Auch die Studentenwerke können bei sozialen Fragen und Problemen behilflich sein, sofern diese der Hauptgrund für einen möglichen Studienabbruch sind (beispielsweise Studium mit Kind).

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Azubi, Quereinsteiger, Student: So geht es weiter

In anderen Fällen mag die Entscheidung schon gefallen sein. Ganz gleich, ob Sie sich mit den Studieninhalten nicht identifizieren können, Ihnen das Ganze zu theorielastig und wenig praxisorientiert ist oder Ihnen bewusst wurde, wie schlecht die Berufsperspektiven im Anschluss an das Studium sein würden:

Viele Studienabbrecher werden mit Handkuss genommen. Und von persönlichen Eitelkeiten einmal abgesehen: Es gehört schon ein gewisser Mut dazu, nach zwei, drei oder vier Semestern zu erkennen, dass man sich geirrt hat. Und ganz umsonst ist die Zeit an der Hochschule nie. Sie haben in einen Bereich hineingeschnuppert, haben in jedem Fall über den eigenen Tellerrand geblickt.

Hätten Sie direkt nach der Schule eine Ausbildung angefangen, hätten Sie danach vermutlich kein Studium mehr angefangen und wüssten gar nicht, was Sie verpassen beziehungsweise eben nicht verpassen. Und letztlich bleibt die Option auf ein Studium immer noch bestehen, nur eben nicht mehr als erster Ausbildungsweg.

Wie geht es also weiter?

  • Ausbildung

    Die klassische duale Ausbildung wurde bereits genannt. Es gibt zahlreiche örtliche Bildungsträger wie die Industrie- und Handelskammern (IHK) sowie die Handwerkskammern (HWK), die Informationen für das „Leben danach“ bieten. Teilweise sind diese weitere Möglichkeiten sogar maßgeschneidert für bestimmte Fachrichtungen. So bietet die IHK Mittlerer Niederrhein seit 2012 eine praxisorientierte Alternative für Studienabbrecher von MINT-Fächern zu einer verkürzten Ausbildung zum Fachinformatiker. Aber es gibt auch genügend Beratungen für den beruflichen Neustart von Studienaussteigern aller Fachrichtungen, beispielsweise bei der HWK Dortmund.

    Tipp: Wer mit Schulabschluss das Abitur erworben hat, kann häufig seine Ausbildungszeit verkürzen und muss beispielsweise statt der sonst üblichen drei Jahre möglicherweise nur 1,5 Jahre (das ist die Mindestausbildungszeit in diesem Fall) lernen. Dafür muss allerdings zuvor ein Antrag gestellt werden.

    Mehr Infos zu Beratungsstellen finden Sie hier:

    • Studienaussteiger-nrw.de
    • Studienabbruch und dann? (Hier finden Sie bundesweite Unterstützung und Beratung vor Ort.)
  • Quereinstieg

    Sie können natürlich als Quereinsteiger in die Arbeitswelt gehen. Je nachdem, wie viele Semester Sie studiert und welche Kenntnisse Sie erlangt haben, kann das für einen Job reichen. Der derzeitige Fachkräftemangel lässt manchen Arbeitgeber darüber hinwegsehen, dass ein Abschlusszeugnis fehlt. Allerdings müssen Sie damit rechnen, dass Kollegen mit vergleichbaren Tätigkeiten und Abschluss mehr als Sie verdienen.

  • Duales Studium

    Eine andere attraktive Möglichkeit ist ein duales Studium. Gerade für Studienabbrecher, denen die Praxisnähe fehlte, dürfte dieses Studium reizvoll sein. Dazu kommt, dass Sie von Anfang an Geld verdienen, also gleichzeitig eventuelle Geldsorgen los sind. Arbeitgeber wie die Deutsche Bahn bieten vor allem im technischen Bereich viele Alternativen, zum Beispiel:

    • Elektrotechnik
    • Bauingenieurwesen
    • Wirtschaftsinformatik
    • Informatik
    • Facility Management

    Viele weitere Arbeitgeber, die Studienabbrechern eine Chance bieten, finden Sie auf der von Studierenden gegründeten Beratungsseite für Studienaussteiger.

[Bildnachweis: tommaso79 by Shutterstock.com]
7. Mai 2019 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Taralej widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.



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