Studieren mit ADHS: Das geht!

Ist Studieren mit ADHS möglich? Das Leben mit dem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom ist gewiss nicht einfach: immer unter Strom, immer „on“, immer getrieben. Die Gedanken fahren Karussell im Kopf und bewegen sich auf 30 Ebenen gleichzeitig. Die Konzentration auf das Wesentliche, das Filtern von Reizen und Emotionen fällt den Betroffenen deutlich schwerer als anderen. Kann man unter diesen Voraussetzungen dann überhaupt studieren? Wir sagen: ja. Studieren mit ADHS – das geht unter bestimmten Voraussetzungen…

Studieren mit ADHS: Das geht!

Studieren mit ADHS: Kein Ding der Unmöglichkeit

Zunächst einmal braucht es das, was es für jeden anderen angehenden Studierenden auch braucht: eine Hochschulzugangsberechtigung. Die wird klassischerweise über das Abitur erworben. Aber ein Studium ohne Abitur ist ebenfalls unter bestimmten Bedingungen möglich.

Soweit zu den offiziellen Voraussetzungen. Vermutlich gibt es gar nicht so wenige Personen, die mit ADHS studieren – die Sache ist, dass bis vor wenigen Jahren diese Diagnose in Deutschland bei Erwachsenen gar nicht akzeptiert war. Man ging davon aus: ADHS kommt bei Kindern vor und „verwächst“ sich irgendwann.

Erst so langsam gewinnt diese Diagnose auch bei Erwachsenen in Deutschland an Akzeptanz: Insgesamt wird in der Fachliteratur von 1,3 bis 4,7 Prozent aller Erwachsenen ausgegangen, die von ADHS betroffen seien. Genaue Zahlen über die Zahl derer, die ein Studium trotz ADHS versuchen, gibt es allerdings noch nicht.

In den USA wird geschätzt, dass 2 bis 8 Prozent aller Erstsemester eine ADHS-Diagnose haben.

Das sind die Symptome von ADHS

ADHS Studium ProblemeTatsächlich sind Kinder und Jugendliche häufiger als Erwachsene betroffen. Und viermal häufiger wird die Diagnose bei Jungen im Gegensatz zu Mädchen gestellt. Dabei ist unklar, ob Jungen tatsächlich häufiger ADHS haben oder es bei Mädchen schlichtweg übersehen wird, da sie anders sozialisiert sind.

Denn bei Jungen tritt die Erkrankung erkennbar durch aggressives und hyperaktives Verhalten nach außen, während Mädchen es eher verstecken. Bei etwa zwei Dritteln aller Betroffenen verwächst sich ADHS tatsächlich, bei einem Drittel dauert es bis ins Erwachsenenalter fort; manche Studien gehen sogar von mehr als Dreiviertel aller Betroffenen aus, die als Erwachsene noch mit ADHS-spezifischen Problemen zu kämpfen haben.

ADHS bedeutet, dass einige Verhaltensweisen aus dem Gleichgewicht gebracht sind. Das führt zu einer Reihe von Störungen wie beispielsweise:

ADHS hat häufig genetische Ursachen, allerdings haben viele Betroffene durch Ihre Umgebung negative Erfahrungen gemacht, die die Ausprägung begünstigt haben. Zu Druck und Stress gesellen sich noch Drogen- und Alkoholkonsum und teilweise Medikamente. Das alles kann weitere Begleiterscheinungen hervorrufen, die alles andere als förderlich sind und Studieren mit ADHS erschweren:

Berühmte Persönlichkeiten mit ADHS

Ein Studium trotz oder mit der Diagnose ADHS aufzunehmen, ist möglich. Es gibt sogar einige Beispiele bekannter Persönlichkeiten, die zeigen: Die Erkrankung hat ihre positiven Seiten.

Zu ihnen gehört der Kabarettist und Arzt Dr. Eckart von Hirschhausen. Hirschhausen absolvierte mit der Erkrankung nicht nur ein Medizin-Studium, sondern startete auch eine erfolgreiche Karriere als Komiker und Moderator.

In einem offiziellen Bekennerschreiben konstatiert er:

Ich lebe sehr gut damit. Ich lebe sogar davon. Denn ohne meine sprunghafte Aufmerksamkeit wäre ich nie Komiker geworden. (…) Komik springt um die Ecke. Und um auf so etwas zu kommen, braucht man eine gelockerte Assoziationsfähigkeit.

Auch Microsoft-Gründer Bill Gates erfüllt nach eigenen Aussagen alle Kriterien von ADHS, das nach aktuellen Erkenntnissen auf eine neurobiologische Entwicklungsverzögerung zurückzuführen ist.

Das hielt ihn aber nicht davon ab, sich 1973 an der renommierten Harvard University einzuschreiben. Parallel widmete er sich dem Aufbau seiner Firma Microsoft. Der Rest ist Geschichte: Unter Gates‘ Führung entwickelte sich das Unternehmen zu einem der mächtigsten IT-Imperien der Welt.

Die Beispiele zeigen: In einem Leben mit ADHS ist nichts ausgeschlossen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass ADHS-Betroffene ihre persönlichen Vorlieben und Neigungen kennen und diesen Rechnung tragen. Ansonsten wird ein Studium mit ADHS zum Desaster.

ADHS: Im Studium häufig diese Probleme

Im Rahmen ihres Studiums sind ADHS-Betroffene nämlich Stressoren ausgesetzt, die auf sie stärker und behindernder wirken, als auf andere Menschen. Da sind die unregelmäßigen Vorlesungszeiten, enge Prüfungsintervalle, überfüllte Hörsäle und intensive Lerneinheiten.

Allesamt schwierige Unterfangen für ADHS-Patienten: Sie haben häufig Probleme, sich in Gruppensituationen einzufügen und können mitunter den Gedanken anderer nur schwer folgen.

Hinzu kommt, dass der Lernstoff in großen Teilen selbstständig zu erarbeiten ist. Das verlangt eine hohe intrinsische Motivation und ein hohes Maß an Strukturiertheit und Eigenorganisation ab. Auch damit haben ADHS-Betroffene ihre Probleme.

Zum Beispiel verzetteln sie sich oft, wenn sie mehrere Aufgaben zeitgleich bearbeiten sollen, weil sie zwischen den einzelnen To Dos hin und herspringen. Am Ende haben sie alles angefangen, aber nichts wirklich zum Abschluss gebracht.

Und weil sie sich durch ihre „Hibbeligkeit“ mitunter körperlich verausgaben, sind sie phasenweise erschöpft und müde. Das führt dazu, dass sie sich nicht konzentrieren können und Arbeiten aufschieben oder nur langsam bearbeiten.

Diese Verhaltensweisen werden außerdem mit ADHS in Verbindung gebracht:

  • Häufige Unterbrechungen durch spontane Aufnahme anderer Aktivitäten
  • Vergessen von Terminen und Erledigungen
  • Vermeiden von Aufgaben, die dauerhafte und erhöhte Aufmerksamkeit erfordern
  • Nicht-Einhaltung von Fristen
  • Vermeidung uninteressanter Aktivitäten
  • Niedrige Frustrationstoleranz, daher schnelle Resignation und häufige Gedanken an Studienabbruch

ADHS hat unterschiedliche Ausprägungen

Studieren mit ADHS LerntippsZugegeben, all das scheint gegen die Aufnahme eines Studiums zu sprechen. Doch erstens sind die Symptome nicht bei jedem gleich intensiv ausgeprägt: bei ADHS gibt es viele verschiedene Abstufungen. Zweitens bringt die Erkrankung nicht nur Negatives mit sich.

Als positive Eigenschaften von Menschen mit ADHS werden zum Beispiel immer wieder folgende in die Waagschale geworfen:

Zwar sind Impulsivität und Hyperaktivität ein zweischneidiges Schwert, da sie Teil der ADHS-Symptomatik sind, aber es kommt eben auf die Ausprägung an. Impulsive Menschen können kurzweilige Gesprächspartner sein und bringen frischen Wind in Unterhaltungen und Freizeitaktivitäten, wo andere noch öde Bedenkenträger sind.

Hyperaktivität kommt ADHS-lern bei sportlichen Aktivitäten zugute, denn häufig haben sie einen großen Bewegungsdrang – das zahlt aufs Gesundheitskonto.

Bezogen auf Eigenschaften wie Begeisterungsfähigkeit heißt das im Umkehrschluss: Wer seine Leidenschaft für ein Fachgebiet entdeckt, das ihm liegt, wird sich voll darauf stürzen und einlassen können.

Und die Chance ist groß, dass gerade aufgrund der Sprunghaftigkeit der Gedanken Ideen entstehen, die in der Form noch niemand hatte. So ähnlich, wie es auch Eckhart von Hirschhausen in seinem Brief beschreibt.

Um auch nochmal auf das Beispiel von Bill Gates zurückzukommen: Es verdeutlicht, wie weit es ADHS-Betroffene bringen können, wenn sie den Kern ihrer Leidenschaft entdecken. Gates erkannte früh, welche Inhalte ihn am meisten bewegen und konnte sich sehr gut auf sie einlassen. Heute gilt er als einer der reichsten Männer der Welt.

7 Lerntipps fürs Studieren mit ADHS

  • Geeignetes Fach wählen

    Die wichtigste Voraussetzung für ein Studium mit ADHS ist daher, dass man für sein Fach regelrecht brennt. Dabei gibt es kein bestimmtes Fach oder besonders geeignete Berufe für ADHS, denn es hängt mit Ihrem persönlichen Interesse zusammen. Alles, was nach langweiliger Routine für Sie aussieht, ist potenziell geeignet, Sie scheitern zu lassen. Ein Studienabbruch ist zwar keine Schande, aber Sie ersparen sich Zeitverschwendung und Frustration, wenn Sie sich vorab mit Ihren besonderen Anforderungen auseinandersetzen. Damit allein ist es aber natürlich nicht getan. Ist der passende Studienplatz gefunden, geht es darum, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen.

  • Extrinsische Motivation nutzen

    Bei aller Liebe zum Fach muss klar gesagt werden: Jedes Studienfach enthält wenig prickelnde Anteile. Studierende mit ADHS tun sich in solchen Fällen besonders schwer mit der Selbstmotivation. Es besteht die Gefahr, dass wichtige Lernphasen aufgeschoben werden oder der Inhalt einfach nicht in den Kopf will. Um etwaige Prokrastination zu verhindern, sollten Betroffene bei solchen Inhalten sich mit anderen Studierenden zusammentun und Lerngruppen bilden. Das hat nicht nur den Vorteil, dass man sich gegenseitig motiviert, sondern die für ADHS-ler wichtigen sozialen Kontakte aufbaut oder festigt.

  • Reizarme Umgebung suchen

    Zum Beispiel sollten sich Studierende mit ADHS eine Wohnung suchen, die möglichst reizarm ist. In einem Studentenwohnheim oder einer WG wird sich ein Betroffener kaum konzentrieren können. Hier ist das Ablenkungspotenzial einfach zu groß. Besser taugt ein ruhiges Zimmer in ländlicher Gegend. Genau aus diesem Grund sollten sich ADHS-ler in Vorlesungen auch nach Möglichkeit einen Platz in den vorderen Reihen suchen. Wer dennoch befürchtet, durch die Anwesenheit anderer zu stark abgelenkt zu werden, sollte sich überlegen, die Vorlesung mitzuschneiden.

  • Ausdauernde Sportarten betreiben

    Prinzipiell sind alle Sportarten geeignet, die Spaß machen. Individualsportarten wie Jogging oder Radfahren haben den großen Vorteil, dass mit der eigenen Impulsivität nicht gegen Teamregeln verstoßen werden kann. Teamsportarten sind häufig durch einen schnellen Wechsel gekennzeichnet. Das kommt der Neigung nach ständigen Abwechslungen entgegen. Auf der anderen Seite sind Individualsportarten dazu geeignet, längere Zeit den Fokus auf ein und dieselbe Sache zu richten.

  • Bewusste Lernzeiten wählen

    Wichtig ist außerdem, herauszufinden, wann man zuhause am aufnahmefähigsten ist und seine Lernphasen entsprechend einzuplanen. Möglicherweise ist der frühe Abend eine bessere Lernzeit als der späte Nachmittag: Das milde Dämmerlicht des ausklingenden Tages wirkt beruhigend und draußen ebbt langsam der Alltagsstress ab. Auch das Benutzen geräuschdämpfender Ohrstöpsel und das Herunterziehen der Jalousien kann unterstützen, weil somit alles, was ablenken könnte, ausgeblendet ist.

    Ganz wichtig in diesem Zusammenhang: Handy aus, Fernseher aus, E-Mail-Programm am Laptop aus, so lange Sie auf diesem Ihre Seminararbeit tippen. Nicht-ADHS-Betroffene können kleine akustische Störungen wegstecken. Für Betroffene birgt jedes noch so kleine „Bing“ am Handy die Gefahr, nicht mehr in das Thema zurückzufinden.

  • Geplante Auszeiten nehmen

    Selbst das reizärmste Umfeld wird spontane Impulse und Gedanken nicht unterdrücken können. Das wäre auch der falsche Ansatz. Betroffene sollten ihren Gedanken Raum und Tagträume zulassen, sonst kreisen sie im Kopf weiter. Dann geht gar nichts mehr.

    Tipp: Die Ideen in einem Impulsbuch niederschreiben. Der Effekt: Der Studierende hat sich ihnen gewidmet und sie dokumentiert. Das verschafft Sicherheit. Er kann sie erstmal ablegen, aber jederzeit wieder zu ihnen zurückkehren.

  • Feste Rituale einbauen

    Klare Regeln und Pläne sind wichtig, da ADHS-Patienten mit Unvorhersehbarkeiten nur schlecht umgehen können. Daher sind Rituale wichtig. Sie bringen Struktur und Entlastung in den Alltag. Feste Essenszeiten, Lernpläne, ein klar geregelter Tagesablauf können hier viel bewirken. Auch Regeln, die mantraartig wiederholt werden, helfen dabei, sich wieder zu fokussieren: eins nach dem anderen. Betroffene sollten sich bewusst machen: Monotasking führt zum Ziel.

Extra-Tipp: Beantragen Sie einen Nachteilsausgleich

Studieren mit ADHS LerntippsEin Studium mit ADHS zu bewältigen, ist gewiss nicht leicht. Medikamente als Unterstützung von schweren Konzentrationsschwächen empfehlen sich aber nur in absoluten Ausnahmesituationen, denn sie bringen oft schwere Nebenwirkungen mit sich. Viel besser ist es, sich von vornherein nicht zu sehr unter Druck zu setzen und mehr Zeit für das Studium einzuplanen.

Übrigens haben ADHS-Betroffene in manchen Fällen Anspruch auf Nachteilsausgleich an Universitäten. Dabei geht es zum Beispiel um Zeitverlängerungen für die Bearbeitung von Hausarbeiten, Schreibzeitverlängerungen bei Klausuren, das Schreiben von Klausuren in einem gesonderten Raum oder die Unterbrechung einer Prüfung durch Pausen.

Bedenken Sie hierbei, dass Sie sich frühzeitig über die genauen Modalitäten beim Prüfer oder Prüfungsamt erkundigen. Das ermöglicht Ihnen, rechtzeitig einen Antrag auf Nachteilsausgleich zu stellen, heißt: vor der Anmeldung zur Prüfung. Hierfür wird ein Nachweis beispielsweise in Form eines ärztlichen Attests notwendig sein. Wer seine Chancen und Möglichkeiten nutzt, kann sicher sein: Dann klappt’s auch mit dem Abschluss.

Weitere Informationen für Studierende mit Beeinträchtigung erhalten Sie hier und bei den Studentenwerken vor Ort:

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[Bildnachweis: Gorodenkoff by Shutterstock.com]
3. Juli 2019 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Taralej widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.



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